artpreview · 2014

Eine Zusammenstellung von Texten zu Ausstellungen
in der Sezession Nordwest e.V., Wilhelmshaven,
von Alexander Langkals

November 2014

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Gennady Karabinskiy, Begegnung am Kai, 2014, Tempera/Karton, 56 x 42 cm, Ausschnitt

Gennady Karabinskiy, Begegnung am Kai

In klaren, bunten Farben erschöpft Gennady Karabinskiy Gestalten, die aus unbekannten Geschichten zu stammen scheinen, Stillleben oder Wesen, die Fragen aufwerfen.

Mit großen Augen schauen eine menschliche Figur mit übergroßem Kopf und ein vogelhaftes Wesen den Betrachter neugierig an. Im Hintergrund dieser fantastischen Begegnung am Kai schwimmen zwei merkwürdig miniaturisierte Schiffe; mächtige dunkle Rauchschwaden steigen vor einer Häuserkulisse auf.

Ein märchenhafter Zauber liegt über dieser in reinen, kräftigen Farben gemalten Szenerie wie auch über weiteren Bildern von Gennady Karabinskiy, der ab dem 6. November seine jüngsten Werke in der Sezession Nordwest präsentiert. Ein Zauber, der an Gemälde des bekannten „Maler-Poeten“ Marc Chagall erinnert – Zufall? Zumindest faktisch verbindet beide ihre Herkunft aus Weißrussland.

1955 in Baranowitschi geboren, studierte Karabinskiy bildende Kunst und arbeitete von 1985 bis 2004 in St. Petersburg. Dort wurde er 1991 Mitglied der Gesellschaft der freien Künstler und 2002 Mitglied des Bundes der Künstler Russlands und der Internationalen Föderation von Künstlern. 2004 übersiedelte er nach Oldenburg und ist seit 2005 Mitglied im BBK Oldenburg. Seit 1989 nahm er an über 150 Kunstausstellungen im In- und Ausland teil; Werke befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen in Dänemark, Deutschland, Israel, Italien, den Niederlanden, Russland, Schweden, Südkorea, den USA und Japan.

Charakteristisch für seine Bilder sind vermeintlich reale, alltägliche Geschehnisse, die verfremdet in ein Bildmotiv überführt werden. Der Grad der Verfremdung bzw. des Realitätsbezugs ist dabei sehr weit. Ausgehend von lediglich proportional verschobenen Figuren schlägt der Künstler einen Bogen bis zu derart vielfigurigen Bildern, die auch durch ihre kräftigen Farben den Betrachter vor ein vermeintlich unentwirrbares Dickicht stellen. Im Erkunden solch komplexer Bildgeschichten entdeckt der Betrachter sehr verschiedene surreale Motive und Momente und stößt dabei auch immer wieder auf humorvolle Partien.

Andere Bilder zeigen einen konzentrierten, eng gefassten Blick auf einzelne Figuren oder Köpfe, die um unterschiedliche Versatzstücke angereichert, stilllebenhafte Anmutungen besitzen. Auch diese Arbeiten sind bestimmt von einer expressiven Farbigkeit. Ganz gleich, ob eine einzelne menschliche Figur, ein Paar, Boote, Häuser oder zu einem Stillleben arrangierte Utensilien verbildlicht sind – die Farbe spielt die Hauptrolle. Und da sie stets klar und ungetrübt ist, besitzen alle Bilder einen positiven Ausdruck.

Neben Öl, Acryl, Tempera und Pastell verwendet Karabinskiy auch Tusche. Schnell „hingeworfen“ scheinen viele dieser Tuschearbeiten zu sein. Zentrales Bildthema ist wieder die menschliche Figur – teils in fließende Farben getaucht, teils auf das Schwarz der Tusche beschränkt. Ähnliche Motive hat er als Lithografien weitgehend ohne Farbe umgesetzt. Streng frontal blicken uns Gestalten entgegen, die allein im Schwarz vor weißem Hintergrund erscheinen. Doch selbst diese reinen „Schwarzbilder“ besitzen einen hohen malerischen Gehalt, die Flächen sind nicht homogen, sondern durchbrochen, haben teils weich auslaufende Ränder oder liegen in variierender Transparenz auf dem Weiß des Blattes.

Neben all den augenscheinlich heiteren Bildern stößt der Betrachter auch auf Motive und Details, die verstören oder Fragen aufwerfen: Katzen mit menschlichen Augen, geflügelte Köpfe, ein Davidsstern im Blickfeld einer aufschauenden Gestalt. Hier wird offenbar, dass die Bilder von Gennady Karabinskiy nicht nur auf eine ästhetische Anschaulichkeit zielen, sondern eine inhaltliche Vielschichtigkeit besitzen.

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Gennady Karabinskiy, Begegnung am Kai,
2014, Tempera/Karton, 56 x 42 cm

Gennady Karabinskiy, Nr. 51,
2014, Ölkreide/Karton, 56 x 42 cm

Gennady Karabinskiy, Nr. 82,
2014, Acryl/Papier, 59 x 42 cm

Oktober 2014

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Kurt W. Seidel, o. T., Acryl/Leinwand, 40 x 50 cm, Ausschnitt

Kurt W. Seidel, Bewegung und Stille

Abstrakte namenlose Farbkompositionen, überwiegend von einer Lokalfarbe dominiert und mit starkfarbigen Kontrastakzenten oder -spuren versehen, konfrontieren den Betrachter mit unbekannten Welten.

Der aus Düsseldorf stammende Kurt W. Seidel lebt mit Unterbrechungen von 1984 bis 1991 und von 2008 bis 2011 seit 1977 in Wilhelmshaven. Vor allem die zweite „Unterbrechung“ führte ihn weit hinaus – nach Virginia Beach in den USA. Bewegung und Stille betitelt er seine Ausstellung in der Sezession Nordwest, die am 2. Oktober eröffnet wird. Zugleich fängt der Titel trefflich die Haupteigenschaften seiner Arbeiten ein.

In das Jahr 2003 datiert der künstlerische Anfang mit Bleistiftzeichnungen. Diesen reinen Graustufenwerken stellt Seidel wenig später farbige Pastellarbeiten an die Seite. Der Sprung ins Medium Malerei erfolgt nicht zuletzt durch einen Malunterricht 2005 in Acryltechnik. Dieses Medium ist das bis heute vorherrschende.

Neben verschiedenen Ausstellungen in den USA hat Kurt W. Seidel u. a. 2006 und 2007 im Wattenmeerhaus sowie 2012 in der VHS ausgestellt. Dort neben Malerei auch fotografische Arbeiten. In ihnen greift er weit zurück – bereits 1966 begann er zu fotografieren und vertiefte diese „Leidenschaft“ in Volkshochschulkursen, der wiederholt erfolgreichen Teilnahme an Fotowettbewerben und der Mitgliedschaft im Fotoclub Bad Godesberg.

So unterschiedlich die gegenstandslosen Acrylbilder Kurt W. Seidels auch sind, so sehr verbindet sie die Gemeinsamkeit des Vorherrschens einer dominanten Hauptfarbe, der jedoch durchaus kräftige Kontrastfarben beigestellt werden (können).

Der Verzicht auf Bildtitel in Verbindung mit dem All-over-Charakter der Arbeiten sprengt jegliche themengebundene Einengung und öffnet dem Betrachter ein geradezu rahmenloses Inspirations- und Interpretationsfeld. Während einige Arbeiten von eher kristallin-organischer Anmutung sind, gemahnen andere an mit halb geschlossenen Augen wahrgenommene Lichtspiele durch Ast- und Blattwerk; wieder andere Bilder scheinen den Betrachter in ungreifbare galaktische Weiten des Alls oder der unbekannten Tiefsee zu entführen. Lichtreflexionen, die verschiedentlich zu Strudeln kulminieren, ziehen den Betrachter in diese von großer Stille geprägte Zonen. In einzelnen Fällen wird die große Ruhe durch leichte Klänge durchbrochen, vorgetragen in Form von sparsamst gesetzten kontrastierenden Farbtupfen.

Ab 2010 hält die Spur Einzug in die Bildwelt von Kurt W. Seidel – in mannigfacher Variation: als durchbrochene kristalline Farbkörper, als Einzelwirbel oder Parallelzüge, entmaterialisiert als reine Lichterscheinungen oder ab 2012 als ungegenständliche, dennoch körperhafte Verdichtungen.

Seit dem vergangenen Sommer integriert Seidel auch figurative Elemente in die weiterhin ungegenständlichen Acrylbilder und präsentiert diese Werke nun erstmals in den Räumlichkeiten der Sezession Nordwest bis zum 4. November.

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Kurt W. Seidel, o. T., Acryl/Leinwand,
50 x 40 cm

Kurt W. Seidel, o. T., Acryl/Leinwand,
40 x 50 cm

Kurt W. Seidel, o. T., Acryl/Leinwand,
80 x 60 cm

September 2014

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Peter Steinke, o. T., SW-Fotografie, Ausschnitt

Peter Steinke, Seitenblicke – Augenblicke

Zeichen und Symbole bestimmen Fotografien und Bildwerke des Stader Peter Steinke. Die einen transportieren Anweisungen, die anderen Anmutungen.

Wenn auch der Titel der Septemberausstellung in der Sezession Nordwest, Seitenblicke – Augenblicke, auf die Kunstwerke, Absichten und Inhalte des Künstlers Peter Steinke zielen, so kann er ebenso das Zustandekommen der Ausstellung selbst charakterisieren: Eine Ausstellung der Wilhelmshavenerin Renate Ai in Stade führte die beiden zusammen.

Dort lebt und arbeitet Peter Steinke und ist als Autodidakt auf verschiedenen künstlerischen und kreativen Gebieten tätig. Er sammelt, bearbeitet und bemalt Fundstücke und fügt sie zu komplexeren Gebilden zusammen. Während sie zweckfrei allein für sich stehen, baut und restauriert er mit Möbeln und Leuchten auch Gebrauchsobjekte.

Bereits seit der Jugend interessiert er sich für Fotografie, der er sich seit 2002 verstärkt widmet. Ausgewählte Fotoarbeiten aus dieser gesamten Zeitspanne bilden den Hauptteil seiner Ausstellung in der Sezession. Die nach analogen Anfängen digital erfassten Motive aus dem Alltag sind bestimmt von Spuren, Strukturen, von Zeichen und Symbolen. Auf Aquarellpapier gedruckt, entziehen sich die Fotografien dem typischen Hochglanzmainstream; auf Faserplatten kaschiert, deren Ränder mit Gouache gefasst sind, erhalten die Arbeiten eine analog-handwerkliche Komponente zurück. Somit sowie durch zusätzliche Übermalungen entstehen aus Serien eines Motivs lauter Unikate.

Auffällig ist die konsequente Abwesenheit der menschlichen Existenz in den Arbeiten. Das wird umso deutlicher dort, wo Zeugnisse seiner Anwesenheit nahezu übermächtigen ins Bild gerückt sind. So wird eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von allbekannten Zeichen dominiert, die sich – im Schattenriss ihrer Zweckbestimmungen beraubt – nurmehr wie sinnlose, störende, ja verstörende Fremdkörper vor einer weitläufigen Landschaftskulisse in einer überzogenen Wichtigkeit behaupten. Mit aggressiver Schärfe schneiden sie in einen Bewusstseinshorizont einer geradezu lyrischen Landschaftsschilderung – und künden niemandem nichts.

Der fotografische Blick fällt auf ähnliche Symbolformen in Zeichen betitelte Arbeiten, wobei der ausschließlich und eng gefasste Fokus jegliche potenzielle Aufklärung ausschließt. Auch in diesen Werken geht es nicht um die Vermittlung inhaltlicher Symbol-Konnotationen; hier erkundet der „Seitenblick“ anschauliche Qualitäten – die verwitterten Oberflächen, abplatzende Farbschichten oder durchscheinende Strukturen.

Vornehmlich geht es um zweidimensionale Symbole: von flachen Schildern, über dünne Aufkleber bis zu entmaterialisierten Erscheinungen – als Schatten einerseits wie nur mehr als Erinnerungsspur einer vormaligen Existenz andererseits. So etwa im Fall von Zeichen, wo deutlich sichtbare Nagellöcher ihr Entstehen zwar erklären, doch zugleich auch die Unlösbarkeit jeglicher Deutungsversuche offenbaren.

Mit besonderem „Augenblick“ eingefangen, schildert Peter Steinke mit alltäglichen Versatzstücken ein weites, „abstraktes“ Themenspektrum von Begegnungen und Gegenüberstellungen; stets mit Irritationen, die unterschiedlichste Fragen aufwerfen. Bis zum 30. September besteht Gelegenheit, die Seitenblicke – Augenblicke mit eigenen Augen zu erkunden und dabei Lösungen oder auch weitere Fragen zu entdecken.

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Peter Steinke, o. T. Fotografie

Peter Steinke, o. T. Mischtechnik

Peter Steinke, o. T. SW-Fotografie

Peter Steinke, o. T. Fotografie

August 2014

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Dieter Wendel, o. T., Mischtechnik, Ausschnitt

Dieter Wendel – Aufgerissen

Bilder schartiger, rissiger, aufgeplatzter Oberflächen, die selbst schartig, rissig, aufgeplatzt nicht allein zum Anschauen, sondern gleichfalls zum Anfassen locken.

Fotos von vor Trockenheit aufgeplatzten Ackerböden, von ausgetrockneten und rissigen Flussläufen beherrschen seit den Achtzigerjahren die Medien, wenn es um die drastische Veranschaulichung großer Hungersnöte in Afrika oder anderswo geht. Doch reduziert um die inhaltlichen „Aufladungen“ betrachtet, besitzen diese Bilder einen hohen ästhetischen Reiz.

Vergleichbar ist der ästhetische Gehalt der Arbeiten von Dieter Wendel, die er unter dem Titel Aufgerissen ab dem 31. Juli in der Sezession Nordwest ausstellt. Der gebürtige Wilhelmshavener arbeitet seit 2010 in einer Ateliergemeinschaft mit Bernd Nöhre. Hier erschafft er seine Bilder in einer besonderen, über Jahre entwickelten Technik, die von üblicher Malerei weit entfernt ist.

Neben gewöhnlichen Malmitteln, die er um eher historische Bindemittel, Knochenleim, Kreiden und Pigmente ergänzt, verwendet er auch Marmormehle, Wachse, Öle, Sande, Beizen und Strukturmassen. Bereits der Malgrund erfährt besondere Bedeutung – grundierte Industrieleinwände finden kaum Verwendung. Dieter Wendel erstellt seine Malgründe in aufwendigen, mehrschichtigen Prozessen selbst. Fast unmerklich vollzieht sich der Übergang von „Grundierung“ zu ersten „Mal“-Schichten. Die gesamte Bildentstehung vollzieht sich meist über Wochen und resultiert aus einem dialogischen vielschichtigen Aufbau der verschiedenen Materialien. Der gesamte Entstehungsprozess ist eine Abfolge von Aktion und Reaktion.

„Oft macht das Material nicht das, was es soll!“, sagt Dieter Wendel. Und genau das macht einen Großteil der Besonderheit seiner Bilder aus. Nicht bis ins letzte Detail bestimmt, entstehen und entwickeln sich die Bilder quasi aus sich selbst heraus. Ein maßgeblicher Anteil der Bildentstehung liegt im „Agieren“ der Mal- und Bindemittel untereinander. Es entstehen Spannungen, die zu Rissen, Verwerfungen und heftigen Aufsprengungen führen. Oberflächen ergeben sich, als führten sie ein Eigenleben. Und etwas davon scheint ihnen gelegentlich innezuwohnen – ist selbst der Künstler überrascht, wann etwa Rissbildungen ihren Endzustand erreicht haben. „Manchmal führt die Rissbildung zum Totalverlust des Bildes“, gesteht er.

„Überlebende“ Bilder überlassen es dem Auge des Betrachters, ob er in ihnen wie aus dem All betrachtete makroskopische Landstriche oder eher mikroskopisch vergrößerte Fraktale bzw. fantastische Einzeller erkennt. In anderen Arbeiten gelingt es Dieter Wendel, selbst vermeintlich von Schimmel befallenen, abblätternden Wänden einen hohen ästhetischen Reiz abzugewinnen.

Mit dem Verzicht von Bildtiteln schafft er eine weitere Freiheit der assoziativen Wahrnehmung seiner Arbeiten, die ob ihrer Oberflächenstrukturen auch immer wieder mit den Händen erschlossen werden wollen.

Bis zum 2. September ist eine Auswahl älterer und jüngster Arbeiten in der Virchowstraße 37 zu besichtigen. Arbeiten, die den Blick des Betrachters dahingehend sensibilisieren, auch außerhalb von „Kunsträumen“ im alltäglich Vergehenden und Verfallenden etwas Beachtenswertes und Außergewöhnliches zu entdecken.

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Dieter Wendel, o. T. Mischtechnik

Dieter Wendel, o. T. Mischtechnik

Dieter Wendel, o. T. Mischtechnik

Dieter Wendel, o. T. Mischtechnik

Juni 2014

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Sigrid Bahrenburg, o. T., Mischtechnik, Ausschnitt

Sigrid Bahrenburg – Schrift(ge)schichten

Schrift wird Bild. Nicht im übertragenen, sondern im faktischen Sinn. Eine Ausstellung, in der "Schriftkunst" Geschichte schreibt.

Schrift(ge)schichten – knapper und treffender zugleich als mit diesem Ausstellungstitel hätte Sigrid Bahrenburg ihre ab dem 5. Juni in der Sezession Nordwest präsentierten Kunstwerke kaum charakterisieren können.

Geschichten und Erzählungen leben durch ihre Überlieferung. Und dafür bedarf es der Visualisierung – als Bild, Objekt oder Skulptur – oder der Schilderung durch das (geschriebene) Wort. Mittelalterliche Handschriften und frühe Buchdrucke besitzen einen hohen künstlerischen Gehalt. Spätestens mit der Verwendung des Computers als das Schreibwerkzeug der Wahl wurde die Schrift auf ihre Grundfunktion der Informationsvermittlung reduziert. Allenfalls über Kunst berichtet sie. Aber als ein markanter Bestandteil von Kunstwerken besitzt die Schrift Seltenheitswert. Zumal wenn Schrift und Gestaltung des Gesamtwerks sich die Waage halten. Doch genau das ist in vielen Arbeiten von Sigrid Bahrenburg der Fall.

Ihre Arbeit beginnt mit einem ausgiebigen Schreibprozess. Alternativ wird auf vorhandenes eigenes wie fremdes Material zurückgegriffen; und wie im Falle mehrteiliger Tableaus überspannen scheinbar wahllose Textfragmente wie bei einem All-over-Gemälde die Bildgründe. Zunächst frei experimentierend und zunehmend zielführend werden ungeordnet und ungerichtet, auch in mehreren Lagen Ausrisse verschiedener Quellen, unterschiedlicher Schriftfarben und Trägermaterialien aufgetragen und in einem abschließenden Prozess mit zwei- oder auch dreidimensionalen Versatzstücken ergänzt. Das können abstrakte Farbformen, Ausrisse aus Zeitschriften, eigene malerische Elemente oder plastische Figuren sein.

Die Schrift besitzt keinen künstlerisch-kalligrafischen Anspruch. Von individuellem Charakter evoziert sie vielmehr persönliche Geschichten und Aufzeichnungen und versinnbildlicht darüber hinaus augenfällig die Zeitdauer ihrer Entstehung.

Die auf unterschiedliche Gründe überführten Schriften lösen sich zu Liniengespinsten auf, die als grafisches Gestaltungsmittel und nicht mehr als Informationsträger fungieren. Verschiedentlich werden Bildflächen raumgreifend, stehen wie Schriftrollen nebeneinander und erfahren durch tiefe Rahmungen geradezu spirituelle Aufladungen. Einen ähnlichen Anschein kostbaren Inhalts verspüren fächergleich geöffnete Bücher mit reiner, weißer Schrift auf transparenten „Blättern“.

Leporellos entfalten facettenreiche Schilderungen, die in ihren Feldern kapitelgleich abgeschlossene Einzelmotive präsentieren. Auch hier gibt es Überlagerungen mehrerer (Erzähl)-Schichten, die sich ihr letztes Geheimnis bewahrend, nicht bis zum Grund erschließen lassen.

Schwarze Objektkästen verbergen ihren Inhalt vor flüchtigen Blicken. Erst beim Herantreten fällt der Blick in die Tiefe. In ungreifbaren Schichten staffeln sich Schriften und unerklärliche nebulöse Formen vor einer rätselhaften Helligkeit.

„Die Schrift(ge)schichten geben Rätsel auf, bergen Geheimnisse, aber so soll es auch sein“, formuliert die Künstlerin. Bis zum 1. Juli kann man den Geheimnissen nachspüren oder sich einfach von den künstlerischen Gestaltungen faszinieren lassen.

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Sigrid Bahrenburg, o. T. Mischtechnik

Sigrid Bahrenburg, o. T. Mischtechnik

Sigrid Bahrenburg, o. T. Mischtechnik

Sigrid Bahrenburg, o. T. Mischtechnik

Sigrid Bahrenburg, o. T. Mischtechnik

Mai 2014

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Thorsten Schütt, Stupid walking, Ausschnitt

Thorsten Schütt
Zwischen dem Hier und Jetzt

Eine Manifestation skulpturalen Ausdrucks der menschlichen Figur in Holz, Stein und Metall.

Zwischen dem Hier und Jetzt – unter diesem recht ungreifbaren Titel stellt der in Horsten/Friedeburg lebende Thorsten Schütt hingegen sehr greifbare Kunstwerke ab dem 1. Mai in der Sezession Nordwest aus. Greifbar insofern, da es sich um körperhafte – und den menschlichen Körper darstellende – Objekte aus Holz, Stein und Eisen handelt.

Mit eigenen Worten formuliert er in einem Begleittext für diese Ausstellung:

„Das Gefühl, die Aufmerksamkeit wahrzunehmen.

Inmitten des Hier und Jetzt steht die Wahrnehmung. Aufmerksam können wir die Dinge um uns herum fühlen – auf welche Art auch immer. Davor, währenddessen und danach finden wir die Entscheidungen.

Der Bildhauer Thorsten Schütt setzt sich in seiner Arbeit mit diesen Entscheidungen auseinander. Wo und wie stehe oder bewege ich mich, während ich was tue? So entstehen Skulpturen, die das Echte darstellen. Ungeschminkt, nur auf die Aussage bedacht.

Die Objekte werden mal spontan, mal mit vielen Überlegungen und Korrekturen erarbeitet. Die Bewegung der Wahrnehmung, wie auch der Stillstand, das Verweilen derselben sind das Wesentliche für ihn. Der Arbeitsvorgang kann und darf durchaus zur Eigendynamik führen. Ein Prozess, der fließend ist und dem Künstler in seinem Schaffen eine Parallelität zum Leben bietet – mit allen Konsequenzen.

Über die Vielfalt der Materialien, mit denen er auch gern in Kombinationen arbeitet, bietet sich ihm eine schier unendliche Ideenwelt. Vieles passiert über den Grundausdruck des vorhandenen Werkstoffes in Verbindung mit Situationen und Gesprächen aus seinem Alltag.

Gezeigt werden Skulpturen aus Holz und Eisen (teilweise kombiniert) und Holzdrucke im Hirnholzschnitt. Bei den Drucken spiegelt sich das Thema Wege – wohin? als rahmengebender Bestandteil der Ausstellung wider.

Inspiration zum individuellen Denken und Handeln findet Schütt in seinem sozialen Umfeld (mit allen Nebenwirkungen …), in der Natur, durch Reisen und den dadurch stattfindenden Kontakten zu anderen Kulturen und Lebensformen ebenso wie in der Auseinandersetzung mit Kolleginnen und Kollegen auf Bildhauersymposien.“

Die erste sich weitgehend der Gattung Skulptur widmende Ausstellung des SCHAUfenster für aktuelle und regionale Kunst im Jahr 2014 ist bis zum 3. Juni geöffnet.

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Thorsten Schütt, Stupid Neck

Thorsten Schütt, Stupid walking

Thorsten Schütt, Spiegelbild

April 2014

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Brigitte Schmitz, Atmosphären der Veränderung, Mischtechnik, 2013, Ausschnitt

Brigitte Schmitz – Farbwelten

Ihr künstlerisches Leben ist ein informelles Fest der Farbe. Eine Auswahl aktueller Bilder zeigt die Künstlerin in der aktuellen Ausstellung.

„Farbe ist mein Leben. Darin könnte ich baden.“ Das antwortet Brigitte Schmitz auf die Frage der Bedeutung, die Farbe für sie besitzt. Und genau das spiegeln ihre Bilder, in denen es allein um das eine geht – um Farbe. Einen Querschnitt aktueller Arbeiten präsentiert die in Schortens lebende und seit 1999 freischaffende Künstlerin unter dem Titel Farbwelten im April in der Sezession Nordwest.

In ihren ungegenständlichen Bildern gibt es kaum formale Vorgaben oder Themen, die etwa erinnernd an Vorstellungen oder an bekannte Darstellungen umgesetzt werden sollen. Über die gesamte Bildfläche erstreckt sich Farbe, oder besser, die gesamte Bildfläche ist Farbe. Als habe sie sich selbst, quasi aus einer Art eigenen Ordnung, des Bildgrundes bemächtigt, spielt sie nicht nur Haupt-, sondern zugleich auch alle Nebenrollen. Doch nirgends führt die Freiheit für die Farbe ins Chaos, sondern stets zu ausgewogenen Farbharmonien. Hier offenbart sich der künstlerische Gehalt der Bilder.

In einer aufwendigen Prozedur teils unzähliger Übermalungen wird Farbschicht um Farbschicht aufgetragen; aus einem ungefähren Gefühl heraus gewinnt das Bild erst allmählich Gestalt. Der Malprozess verläuft sehr unterschiedlich lang(wierig). Einige Bilder entstehen innerhalb von Stunden; andere werden über Tage und Wochen mit Unterbrechungen und Phasen der „Überprüfung“ wiederholt korrigiert, verändert oder sogar „neu“ begonnen. Mit der anschaulichen Entwicklung verändert sich auch die Bildoberfläche und wird zu einem haptischen Erlebnis. Wie Leder, glatt und stark, fühlen sich die übereinanderliegenden Farbschichten an. Und ebenso scheinen Farbe, Bild und Oberfläche zu einer Art Haut verwachsen zu sein.

Die Bilder besitzen eine große Offenheit für individuelle Interpretationen, oder besser: Einfühlungen. Nicht die rationale, die emotionale Begegnung mit den farbgewaltigen Arbeiten weckt im Betrachter Stimmungen, die sich wiederum individuell ganz unterschiedlich mit Erinnerungen und Vorstellungen aus seinem Inneren verbinden. Überindividuell verbindlich sind allein grobe Richtungen, angelegt etwa durch unterschiedliche farbliche Hauptgewichte, Farbkontraste, Farbakkorde oder durch kompositionelle Strukturen von Farbüberlagerungen.

Zwar sind sämtliche Arbeiten betitelt, doch spielen diese inhaltlichen Angaben eine untergeordnete Rolle. Sie bieten allenfalls eine Orientierungshilfe. Wie etwa bei STREITbar von 2008. Auslöser dieses Bildes war eine weit zurückliegende Geschichte von zwei zutiefst miteinander zerstrittenen Familien. Das Bild selbst vermittelt allenfalls eine vage Ahnung dieses Geschehens. Wie ein verunklärender Schleier der Zeit scheint sich vielmehr ein miteinander versöhnliches Blau über die Bildfläche gelegt zu haben und lässt zwei hellere Partien links und rechts bestenfalls als zwei nebulöse Grabsteine vermuten.

Die Farbwelten von Brigitte Schmitz, die bis zum 29. April im SCHAUfenster für aktuelle und regionale Kunst ausgestellt sind, stehen in einem spannenden Gegensatz zu den im März gezeigten Kunstwerken von Sylvia Lüdtke. Beide Künstlerinnen arbeiten auf dem weiten Feld der abstrakten Kunst, doch das an zwei entgegengesetzten Polen: der Farbe einerseits und der Linie andererseits.

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Brigitte Schmitz, Contrastes I,
Mischtechnik, 2013

Brigitte Schmitz, STREITbar,
Mischtechnik, 2008

Brigitte Schmitz,
Atmosphären der Veränderung,
Mischtechnik, 2013

März 2014

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Sylvia Lüdtke, Parallelwelten, Ausschnitt

Sylvia Lüdtke

Der Mensch im Spannungsfeld von Liebe, gesellschaftlicher Eingebundenheit, Isolation, Migration und kriegerischer Bedrohung. Eine Spurensuche jenseits der Grenzen verschiedener künstlerischer Gattungen und formaler Beschränkungen.

Viele kleine anthropomorphe Figuren kletterten im Oktober 2012 über Sockel und Wände in der Sezession Nordwest. Die bunten Papiergestalten stammten aus der Hand Sylvia Lüdtkes, die ab dem 6. März wieder zu Gast im Schaufenster für Regionale Kunst ist. War es seinerzeit eine Gemeinschaftsausstellung Osnabrücker Künstler, so bleiben diesmal der 1963 gebürtigen Bayerin die Räumlichkeiten exklusiv vorbehalten. Hier zeigt sie unter dem Titel KontaktFormen Arbeiten verschiedener Gattungen, die sich mit Themen um die menschliche Existenz befassen.

Ein wichtiger Impulsgeber für ihre künstlerische Arbeit resultiert aus dem Studium der türkischen und arabischen Sprache an der Uni Bonn. Die Faszination für die fließende Schreibschrift, als grafisch bewegte Zeichnung betrachtet, führte zu einer künstlerischen Auseinandersetzung mit der Linie. Sie ist auf unterschiedliche Weise das bestimmende Element vieler Kunstwerke.

Wie eine Art heftig bewegter Lebenslinien erstrecken sie sich etwa in Parallelwelten I von 2013 vor einem malerisch-diffusen Hintergrund. Von den Bildrändern oben und unten beschnitten, sind sie als ein Ausschnitt unbekannter Länge in den Fokus genommen. So sehr auch die Linien gewunden und in einzelnen Bereichen miteinander verworren erscheinen, so folgen sie einer scheinbar vorgegebenen Bahn, die sie nicht verlassen – ein symbolhaftes Bild für das Zusammenleben zweier Menschen.

In Darstellungen der menschlichen Figur selbst, sowohl als Bild oder Objekt, spielt die Linie wiederum eine wichtige Rolle: als Kontur, als Grenze und damit Trennung wie auch als Kontaktbereich und damit Berührung.

Das malerisch und grafisch sehr ausgewogene Wie wollen wir leben von 2008 wird von der Linie auf zweifache Weise geprägt: als breit und weich verlaufende Kohlebänder zum einen sowie als scharfe Kanten von geschnittenen und aufgeklebten Zeitungsfragmenten. Wie eine dünne Haut überspannt die Künstlerin diesen Grund mit einer Malerei und lässt ihn unterschiedlich stark durchscheinen. Neben einer dominant ins Bildfeld tretenden rotfarbenen Gestalt erscheinen Wortfragmente wie jagen und siegen; im oberen Bildbereich das durch Übermalung verunklarte Fragment einer offenbar bedrängten Menschengruppe. Und erst der genaue Blick offenbart eine vom linken Bildrand beschnittene zweite rotfarbene Figur mit ausgebreitetem Arm, die an einen Gekreuzigten erinnert. Sehr unterschiedliche Aspekte des gesellschaftlichen Lebens werden in dieser und weiteren Collagen in Mischtechnik thematisiert, die jedoch erst mit geschärftem Blick – hinter die Oberfläche – erkennbar werden.

Die Linie bleibt keineswegs an die Fläche gebunden. In Drahtarbeiten wie Frauenkörper schwanger von 2008 erobert sie als ein Gespinst mit Acrylüberzug den Raum. Ein weiblicher Torso erscheint – typisch für die Künstlerin – entindividualisiert wie ein Prototyp einer Gattung. Der Körper selbst ist aufgelöst. Allein seine „Haut“ und damit die Grenzfläche zum Raum ist ansichtig. Das neue Leben in ihm zeigt sich in der selben Art nur in anderer Farbe. Wie schwerelos schweben diese zarten Gestalten fast wie ungreifbare Erinnerungen oder Vorstellungen einer schützenswerten Existenz.

Sylvia Lüdtkes Bilder, Objekte und Installationen sind im weiten Spannungsfeld zwischen Krieg und Frieden, Leben und Tod, Flucht, Anpassung und Widerstand angesiedelt und schildern entsprechend vielfältige zwischenmenschliche Beziehungen innerhalb der Pole höchster Freude und tiefsten Leids. Zahlreiche Positionen dieser umfassenden Themenwelt sind bis zum 30. März in der Sezession Nordwest auszuloten.

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Sylvia Lüdtka, Parallelwelten I,
Mischtechnik, 2013

Sylvia Lüdtka, Wie wollen wir leben, Zeitungscollage, Mischtechnik, 2008

Sylvia Lüdtka, Frauenkörper schwanger,
Draht, Acryl, 2008

Februar 2014

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Karen Barseghyan, Wall I, Mischtechnik/Papier, 2009, Ausschnitt

Künstleraustausch

Armenische Künstler zu Gast in Wilhelmshaven: Vahan Topchyan, Albert Vardanyan, Ararat Sarkissian und Raren Barseghyan

Armenien – dessen kulturelle Wurzeln um seine Hauptstadt Jerewan bis ins vierte vorchristliche Jahrtausend zurückreichen, war im vergangenen Herbst Ziel eines kulturellen Austauschs von Mitgliedern der Sezession Nordwest. „Kofferbilder“, die sie als Gepäckstücke für eine Ausstellung mitbrachten, wurden zur Förderung eines Entwicklungsprojektes veräußert.

Das weitgehend unbekannte Bergland zwischen der Türkei, Georgien, Aserbaidschan und dem Iran mit seiner wechsel- und leidvollen Geschichte unter verschiedenen Fremdherrschaften erhielt mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 seine Unabhängigkeit. Die umwälzenden politischen und gesellschaftlichen Umbrüche, die reiche und stark religiös geprägte Kultur – das Christentum ist seit dem Jahr 301 Staatsreligion –, aber auch junge Ereignisse wie das verheerende Erdbeben von 1988 mit gut 25000 Toten und bis heute bestehenden Schäden bilden vielfältige Hintergründe für bildende Künstler.

Als zweiter Schritt der Künstlerbegegnungen sind vier armenische Künstler aus Gjumri mit ihren Arbeiten von 27. Februar bis zum 3. März zu Gast in der Sezession Nordwest.

Vahan Topchyan ist 1949 geboren und studierte in seiner Heimatstadt und in Jerewan bildende Kunst. Mit kolorierten Zeichnungen, Aquarellen und Mischtechnik erschafft er eine eigene Welt mit ganz eigenen Bewohnern. Viele seiner Bilder sind als Illustrationen nicht nur in armenischen Büchern wiederzufinden.

Der 1954 geborene Albert Vardanyan studierte in Jerewan bildende Kunst. Einen Schwerpunkt seines bildhauerischen Schaffens ist die menschliche Figur zwischen realistischer Wiedergabe und abstrahierter Verfremdung.

Der 1956 geborene Ararat Sarkissian studierte in seiner Heimatstadt und in Jerewan bildende Kunst. In Malerei, Druckgrafik und Video befasst er sich u. a. mit den Alphabeten existenter wie vergangener Sprachen unter ästhetischen Gesichtspunkten sowie vor dem Hintergrund ihres kulturellen Gedächtnisses. Daneben entstehen großformatige Naturstudien in einem weiten Spektrum von abstrakt impressionistischer Farbigkeit bis zu einem monochromen Fotorealismus.

Karen Barseghyan ist 1979 geboren und studierte in Jerewan bildende Kunst. In vermeintlich beliebigen fotorealistischen Bildern von Autos untersucht er die Reflexionen der Umgebung. In abstrakten Arbeiten in Mischtechniken befasst er sich wiederum mit Oberflächenstrukturen, die teils mit Versatzstücken wie Jeansfetzen angereichert sind.

Alle vier Künstler besitzen eine sehr erfolgreiche Ausstellungsbilanz mit zahlreichen Stationen im nahen Osten, in den meisten europäischen Ländern, in Nord- und Südamerika und Japan. Die Ausstellung in der Sezession ist täglich von 16 bis 18 Uhr geöffnet.

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Vahan Topchyan, Characters, Mischtechnik/Chinapapier, 2012/13

Albert Vardanyan, Legionary, Bronze

Ararat Sarkissian, Earth VIII,
Öl/Leinwand, 2009

Karen Barseghyan, Wall I,
Mischtechnik/Papier, 2009

Januar 2014

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Hein Bohlen, Hamburg 4, Ausschnitt

Hein Bohlen – Auf den zweiten Blick

Informelle Spurensuche, Bearbeitung und Übertragung in Fotografie und Malerei

Für seine Ausstellung Auf den zweiten Blick hat sich Hein Bohlen mit der Kamera auf Motivsuche begeben. Dabei avisiert er abgelegene Bereiche, die auf alten Gemäuern, verfallenen Wänden und Schrottplätzen von Gebrauchsspuren und Zeiteinwirkungen entwickelte interessante Oberflächenstrukturen besitzen. Diese zerkratzten, abgeplatzten, verletzten Oberflächen werden zu Bildern, die an informelle Malerei erinnern.

Der in Varel beheimatete Hein Bohlen wurde 1946 in Oldenburg geboren. Nach einer Lehre im grafischen Gewerbe beendete er 1972 ein Grafikstudium an der Hochschule für Gestaltung in Bremen mit Diplom und ein darauf folgendes Studium der visuellen Kommunikation und Ästhetik an der Universität Oldenburg 1976. Ausstellungen seit 1978 führen ihn über die deutschen Grenzen nach Dänemark, Holland, Österreich, Polen, Schweden und in die Schweiz.

Bekannt ist Hein Bohlen nicht zuletzt durch seine großformatigen Holzschnitte mit abstrahierten Landschafts- und Blumendarstellungen, in denen der Blick immer wieder auf Details gerichtet wird, die isoliert und monumentalisiert herausgehoben werden. Diese gleichsam in seiner Malerei angewendete Praxis hat Bohlen auch in das Medium der Fotografie überführt, mit der er sich erstmals in der Sezession Nordwest vorstellt.

Dabei hat die Fotografie auf mehrfache Weise Einzug in seine Kunst genommen: einmal als unbearbeitete Aufnahmen von Versatzstücken, die den Betrachter mit fremden Bildwelten konfrontieren. Daneben finden sich am PC überarbeitete Fotografien, in denen geometrisch-harte Linienstrukturen wie in einer getrennten Ebene über den „informellen“ Grund gelegt werden. Und schließlich dienen die Fotografien als Anregungen für Umsetzungen in expressiv-gestische Malereien und Holzschnitte wie Feld I. Stets geht es um das Aufzeigen der Gegensätze und Wechselspiele zwischen innerer und äußerer Natur – und damit von Landschaften. Nicht jedoch als Abbild der realen, sondern vielmehr als Neuschöpfungen, die sich vor dem geistigen Auge des Betrachters ganz subjektiv entfalten.

Einige der ausgestellten Arbeiten enthalten Fragmente und Versatzstücke, die dem Betrachter Orientierung in den sonst unbekannten Bildwelten bieten. So gibt das an eine Decollage erinnernde Fragment eines Plakats mit einem den Betrachter fixierenden Auge in der Fotografie Hamburg 4 Aufschluss über die Hintergrundstruktur: eine rohe Wandpartie.

Nach Orientierung sucht der Betrachter auch in Arbeiten ohne erkennbare Versatzstücke. Mögen etwa in Barri Gotic 2 verschiedenfarbige Abblätterungen ein Wandfragment erkennen lassen, so werfen andere Bilder den Betrachter allein auf die eigene Vorstellung und selbst Erfahrenes zurück.

Ein blau changierender Grund mit rotbraunen Linien- und Fleckenstrukturen in Kassel I mag an eine Eisfläche mit Sandspuren erinnern; vielleicht ist es „nur“ ein verletztes Metallteil mit Rostausblühungen. Und ganz gleich, ob es sich bei Barri Gotic mit seinen schwefelgelben Flecken auf asphaltgrauem Grund um Ausblühungen auf einer Wandfläche handelt – „auf den zweiten Blick“ schafft Hein Bohlen harmonisch klingende Farb- und Formwelten aus vermeintlich unwerten, zerstörten und „entsorgten“ Objekten, die ursprünglich in keinem Zusammenhang mit Kunst standen.

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Hein Bohlen, Feld I, Mischtechnik, Bütten

Hein Bohlen, Hamburg 4, Fotografie

Hein Bohlen, Barri Gotic 2, Fotografie

Hein Bohlen, Barri Gotic, Fotografie

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