artpreview · 2011

Eine Zusammenstellung von Texten zu Ausstellungen
in der Sezession Nordwest e.V., Wilhelmshaven,
von Alexander Langkals

Dezember 2011

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Mit Kunst Freude bereitet

Gedächtnisausstellung für Jürgen Wild. Im Oktober 2010 verstarb das Gründungsmitglied der Sezession Nordwest e.V.

Der Jahresausklang ist Zeit zum Innehalten; die Zeit für ein Resümee, für einen Rückblick. Einen Rückblick besonderer Art veranstaltet die Sezession Nordwest mit der Dezember-Ausstellung. Sie ist Jürgen Wild gewidmet. Mit ihm hat die Sezession im Oktober 2010 weit mehr als ein verdientes Gründungsmitglied verloren. Vielen war der 1936 in Berlin geborene zu einem guten Freund geworden.

Farbe und Zeichnung. Auf beiden Feldern besaß Jürgen Wild Talent und hat sich sicher bewegt. Autodidaktisch streng realistisch mit Bleistiftzeichungen beginnend, kam allmählich die Farbe hinzu. Erst kolorierend, um sich allmählich immer mehr zu befreien und größere Eigenbedeutung zu erlangen. In großen Werkgruppen wurde sie schließlich zum alleinigen Bildinhalt. Und damit zum Bildthema selbst. Konsequent waren die Abwendung von letzter Realitätsbezogenheit und der Schritt in die Welt der abstrakten Malerei. Wild entwickelte und perfektionierte über Jahre seine Methode zur Schöpfung von Bildern fließender Farben, wie etwa o.T. von 2007. Ausgewählte kontrastierende Farbtöne verschiedener Konsistenzen und Eigenschaften wurden ihrem vermeintlich zufälligen Verlauf überlassen. Die Eingriffe des Künstlers jedoch, die in diesen Arbeiten kaum zu bemerken sind, haben durchaus entscheidend die jeweiligen Bildergebnisse beeinflusst. Ihre Kontraste und Harmonien, die Verläufe und Mischtöne sprechen den Betrachter unmittelbar an. Das geschieht stets auf stimmige, angenehme Art. Die Bilder klingen harmonisch. Keine schrillen Töne, keine lauten Farben, keine chaotischen Dissonanzen. Auf einer weiteren Ebene erwecken sie im Betrachter Eindrücke von phantastischen Landschaftsbildern, die aus großer Höhe aufgenommen wurden. Zuweilen erinnern sie auch an mikroskopische Sichtungen von Fraktalen, etwa der bekannten Mandelbrot-Mengen.

Bei aller Konzentration auf die gegenstandslose „Malerei“ hat Jürgen Wild die reale Welt als Inspirator oder Bildthema nie aus den Augen gelassen. Darüber hinaus besaß er Humor. Das bezeugen Reihen karikaturhafter Zeichnungen, die neben einer spitzen Feder der Kontur starke Farbigkeit aufweisen. Themen bleiben meist nicht singulär, sondern bilden größere Komplexe. So wird etwa Sport Gegenstand zum Schmunzeln reizender Bilder. Durchaus spitz auch ist die ironische Darstellung der Akteure. Und das Vergnügen mit der zeichnerischen Auseinandersetzung erhielt für ihren Schöpfer oftmals eine weitere Dimension: eigene kurze Texte, die zahlreichen Blättern quasi als eine weitere humorige Würze beigesellt wurden.

Viele Wilhelmshavener kennen Jürgen Wild aus einem nochmals anderen künstlerischen Zusammenhang. Über lange Jahre gab er mit großem Enthusiasmus sein praktisches Wissen um Malerei und Zeichnung in zahllosen Kursen, etwa an der Volkshochschule weiter. Seinen Kursteilnehmern hat er eine besondere Hinterlassenschaft mitgegeben: Bei jedem neuen Bild, das sie malen, erinnern sie sich an einen liebenswürdigen und humorigen Menschen. Alle Anderen können sich beim Betrachten der Bilder in der Sezession Nordwest an ihren Schöpfer Jürgen Wild erinnern.

o. T., Öl, 2007

o. T., Öl, 2007

November

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ecce homo

In ihren Bildern richtet Traud'l Knoess den Blick auf menschliche Schicksale und Verstrickungen

Nur leicht verschleiert der Nebel ein Atomkraftwerk, auf das der Blick durch ein Fenster fällt. Im Vordergrund, in einem bunkerhaft dunklen und beklemmenden Raum haben sich Schutz suchende Personen versammelt. Nicht zuletzt ihr kollektives Tragen eines Mundschutzes weckt die bedrückenden Erinnerungen an die Frühjahreskatastophe um das japanische Atomkraftwerk Fukushima. Mit dem Titel des Bildes, clean world, zielt die Künstlerin Traud’l Knoess auf eine zweite, tieferliegende Ebene: auf den unhinterfragten Umgang mit Großtechnologien und den im Scheitern ihrer Anwendung begründeten Folgen für Mensch und Natur. Dieses mit einer eng beschränkten Palette dumpfer Farben gemalte Bild gehört zu einer Reihe jüngster Arbeiten von Traud’l Knoess, die in Frankfurt Malerei studiert hat.

Ihre November-Ausstellung in der Sezession Nordwest präsentiert unter dem Titel ecce homo Bilder des Menschen in unterschiedlichsten Befindlichkeiten. Die Künstlerin, die auch für ihre Installationen, Plastiken und Assemblagen bekannt ist, hat sich hier auf Malerei beschränkt und blickt mit der aktuellen auf eine gut 45-jährige Ausstellungstätigkeit zurück.

Ecce homo – seht (welch) ein Mensch. Diese Bemerkung des Pilatus über den zur Schau gestellten Christus wurde im ausgehenden Mittelalter zu einem eigenen künstlerischen Thema im Passionskontext. Ausgerichtet, Mitleid zu erwecken, setzen diese Darstellungen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit für das Individuum voraus. Das wiederum ist gleichfalls ein Kennzeichen der sich dem Menschen widmenden Bildern von Traud’l Knoess.

Und hier ist die Aufmerksamkeit, das Schicksal, welches in einzelnen Fällen Mitleid zu erregen vermag, nicht zwingend auf nur einen Einzelnen beschränkt. Wie im Falle von clean world sind es mehrere Einzelne, die vom selben Schicksal getroffen, sich zu einer solchen Gemeinschaft zusammengefunden haben.

Aus der Unergründlichkeit ihrer Augen scheinen sie vergleichbar dem bekannten ecce homo, wissend um die Unabwendbarkeit des eigenen Schicksals, den Betrachter anzublicken, der einzig Mitleid haben kann. Das Schicksal selbst kann er nicht abwenden. Er ist allein Zeuge des Geschehens.

Bei aller noch so großen thematischen Dramatik sind die Bilder nie schrill, werden nicht laut. Verhalten – wie die Farben – sind die Protagonisten geschildert. Gleich ob es um eine einzelne im renaissancehaft strengen Seitenprofil wiedergegebene griechische Rachegöttin in Errinys II oder um eine ganze, sich unentwirrbar in einem Netz verfangene Gruppe in Chaos im Netz handelt: Die ersten Eindrücke sind von Verhaltenheit, ja fast Ruhe geprägt. Erst allmählich durchdringt der Betrachter die teilweise vexierbildhaften Un-Ordnungen von Figurengruppen und vermag nach und nach ihre Verstrickungen zu enträtseln.

Die vordergründige formale Banalität einer Einzelfigur wie etwa Errinys II entpuppt sich nicht allein durch ihr Wesen als Rachegöttin als trügerisch. Ihr diabolischer Charakter, der im Widerspruch zur naiv anmutenden Profilkontur steht, offenbart sich zunächst in ihrem widernatürlich frontal blickenden Auge. Bei genauerem Blick auf ihr Hinterhaupt scheinen aus der Verschleierung ihrer Haare die toten Augen-, Nasen- und Mundöffnungen einer Maske auf.

Die Bilder von Traud’l Knoess erschließen sich nicht auf einen flüchtigen Blick. Erst allmählich, Schritt für Schritt, oder auch Schicht für Schicht, ganz so, wie die Künstlerin arbeitet, offenbaren sich die komplexen Inhalte.

clean world, Acryl, 50 x 60, 2011

Errinys II, Acryl, 30 x 40, 2011

Chaos im Netz, Acryl, 50 x 60, 2011

Oktober II

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Der Pop-up-Blocker

Realer Helfer im Virtuellen – virtueller Schutz im Realen

Gefragt danach, worum es sich bei einem Pop-up handelt, antwortet der zufällig, vor allem jüngere Befragte mit einem Phänomen, das viele Computernutzer von ihren Reisen im Internet her kennen. Plötzlich, unerwartet und ungewollt öffnet sich wie von Geisterhand ein so genanntes Fenster. Das legt sich über den bisherigen Inhalt, spielt sich in den Vordergrund, drängt das bisherige in den Hintergrund und unterbricht den User in seinem soeben noch konzentrierten Lesen von Informationen, Betrachten von Bildern, anderer Beschäftigung, in vereinzelten Fällen sogar bei seiner Arbeit. Jetzt wird er beworben. Flirrende, flackernde, laufende Bildsequenzen ziehen alle Blicke auf sich.

Diese Art Pop-up stört nicht nur; sie nervt vielmehr, da sie keinen Bezug zum Beworbenen hat. Sie nützt nur einem, aber nicht dem User, also gerade demjenigen, der dem Pop-up begegnet. Oder besser: ihm ausgeliefert ist. Gegen diese Belästigung haben dankenswerterweise findige Programmierer Schutzprogramme entwickelt: Pop-up-Blocker.

Recht wenige Befragte kennen aber auch eine ganz andere Form von Pop-ups: aus der "alten" analogen Welt stammende Klappbücher, die im Aufschlagen ihrer Seiten haptische, also greifbare Objekte entstehen lassen.

Hier funktioniert kein digitaler Pop-up-Blocker. Den braucht es auch nicht. Oder etwa doch? Entwickelt wurde der Pop-up-Blocker als Schutz vor dem als Belästigung empfundenen virtuellen Pop-up. Vor seiner analogen Variante hingegen muss der User nicht geschützt werden. Es öffnet sich nicht wie von Geisterhand, sondern nur gewollt. Der analoge User wendet sich ihm bewusst zu, steuert es selbst – und erfreut sich im Idealfall an der Entfaltung.

Das Pop-up-Buch besteht gewöhnlich aus Papier. In einem aufwendigen Entstehungsprozess wird es geschnitten, gefaltet und geklebt. Und sein stets individueller Mechanismus ist empfindlich. Jedes unvorsichtige Öffnen und Schließen gefährdet seinen Fortbestand. Doch gerade diese Eigenschaft regt, ja fordert geradezu zum gefährdenden Auf- und Zuschlagen auf. Ein anderer Schutz wird benötigt. Hier nun nicht im virtuellen, sondern analogen Bereich. Doch ist es diesmal kein Schutz vor, sondern für das Pop-up.

Der Besitzer eines Pop-up-Buches wird im eigenen Interesse Vorsicht walten lassen. Doch der Allgemeinheit – schutzlos – ausgeliefert? Etwa in einem Supermarktregal ausgelegt? Hier dürfte seine Überlebenszeit beschränkt sein. Anders aber in einer Galerie, einem Museum. Auf einen Sockel plaziert, und damit herausgehoben aus dem üblichen Umfeld, gelangt es in eine besondere Aura. Selbst ein mit Gebrauchszweck, etwa als Kinderbuch geschaffenes Pop-up erreicht auf diese Weise den Status eines Kunstwerks und wird somit in eine weitere Bedeutungsebene überführt. In die museale Sphäre aufgenommen, wird sie zu einem Schutzraum für das Pop-up. Das Museum somit als ein metaphorischer Pop-up-Blocker. Einen absoluten Schutz jedoch bieten weder Museum noch Computer-Pop-up-Blocker.

Pop-ups werden durch Bewegung lebendig. Das gilt sowohl für die Computer- als auch für die Buch-Variante. Das Spannende und Überraschende des Pop-up-Buches liegt in seiner Entfaltung beim Öffnen und nicht minder im reibungslosen Zusammenfalten beim Schließen. Der Ruhezustand repräsentiert lediglich eine eingefrorene Momentaufnahme eines zeitlichen Kontinuums. Wie der Schnappschuss einer Person lediglich ein winziges Mosaiksteinchen seines Lebens zeigt, so zeigt die aufgeschlagene Pop-up-Buchseite ebenfalls nur eine Facette seiner vielgestaltigen Gesamterscheinung. Damit besitzt das Pop-up-Buch Verwandtschaft mit Mobiles oder auch kinetischen Skulpturen. Erst in der Bewegung zeigt sich ihr eigentümlicher Charakter. Ob langsam oder schnell, harmonisch-ruhig oder hektisch-laut: Erst in einem längeren Kontinuum erschließen sich dem Betrachter diese wesentlichen Eigenschaften.

Auf das Pop-up-Buch übertragen zeigt sich im Öffnen und Schließen der einzelnen Seiten die Funktionsweise des Pop-up. Gerade die Funktionsweise wiederum ist der eigentümliche Charakter der einzelnen Pop-up-Seite. Nicht allein in der Bewegbarkeit besteht der Unterschied etwa zu einem fix geklebten Kartonmodell – vielmehr zeigt sich der eigentümliche Charakter in der individuellen Art der Auf- bzw. Einfaltung. Entfaltet es sich etwa von innen heraus, schiebt es sich anderenfalls eher vorhangartig auf oder blättern sich die einzelnen Bestandteile radial empor – das sind die staunenswerten Eigenheiten von Pop-up-Büchern, die immer wieder gesehen werden wollen.

Für die Ausstellung analoger Pop-ups bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht zu einem einzigen großen Pop-up-Blocker wird, sondern zumindest zeitweilig – vielleicht im Beisein des Künstlers – seine Schutzfunktion aufhebt.

Oktober

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explicatus

In der Bewegung entfalten sich Papierarbeiten von Peter Geithe zu leibhaftigen Körpern

Explicatus – Entfaltung, Auseinanderwicklung, geordnet, klar. So die Übersetzungen dieses Begriffes. Genau diese Eigenschaften kennzeichnen eine Gattung von Papierarbeiten, von denen Beispiele aus der Hand von Peter Geithe im Oktober in der Sezession Nordwest ausgestellt sind.

Die Entstehungsgeschichte dieser Gattung reicht weit zurück ins Mittelalter. Um komplizierte Inhalte zu vermitteln, wurden bewegliche Bücher entwickelt. Zu den frühesten zählt die Ars magna von Ramon Llull, einem katalanischen Philosophen und Theologen. Um 1300 kombinierte er auf sieben drehbaren Scheiben Begriffe aus Philosophie und Wissenschaft, die gleich welcher Zuordnung stets sinnvolle Zusammenhänge ergaben. Im Verlauf des 14. Jhs. entstanden Klappbücher vorwiegend zur Veranschaulichung der menschlichen Anatomie. In mehreren Schichten konnte auf diese Art in den Körper „hineingeschaut“ werden. Ab dem 18. Jh. schließlich erschienen Klappbücher für Kinder, auch lebende Bücher genannt, in deren Geschichten die Kinder nicht nur gedanklich, sondern auch visuell eintauchen konnten.

In den vergangenen zwei Jahren hat Peter Geithe zahlreiche dieser heute üblicherweise Pop-up genannten Arbeiten geschaffen. Zum einen sind es in klassischer Erscheinung gehaltene Pop-up-Bücher. In einem ersten Band, Seefahrt tut Not, hat er Ringelnatz-Gedichte verbildlicht. Zwei weitere Bücher illustrieren Motive und Eindrücke von Reisen nach Japan, Land der Sonne, und Ägypten, Hochkultur am Nil, die sie dreidimensional vor Augen führen. Von Hand sind Auflagen von jeweils zehn Exemplaren entstanden.

Ein zweiter Pop-up-Komplex besteht aus einzelnen Klappobjekten, die zu zwei Kassetten zusammengefasst wurden. Auch hier hat der Künstler Auflagenwerke von jeweils fünf Kassetten geschaffen. Explicatus I und II benannt, sind sie Titelgeber der Ausstellung. Hinter diesen Arbeiten stehen keine zu illustrierenden Vorbilder – Triebfeder dieser Arbeiten ist die Verbindung der rein künstlerisch-formalen, inhaltlich ungebundenen Gestaltung und ihrer technischen Umsetzung, die eine reibungslose Funktion gewähren muss. Als informelle, im Sinne von ungegenständlichen Objekten erinnern diese Arbeiten an streng geometrisch aufgebaute konstruktivistische Skulpturen.

Hinsichtlich ihrer Bewegbarkeit stehen die Pop-ups in Verwandtschaft mit Mobiles und kinetischen Skulpturen. Die Verwendung etwa von Bändern, an denen geometrische Farbflächen wie zwischen zwei Pylonen gespannt sind, bringen ein weiteres Bewegungsmoment hinzu – ein Schwingen im Luftzug.

Im Moment des Öffnens entfalten sich die unterschiedlichsten Körper und Gebilde – Szenen verlebendigen sich. Die Art der Entfaltung kann sehr unterschiedlich sein: geschieht es von innen heraus, ist es ein eher vorhangartiges Aufschieben oder blättern sich die einzelnen Teile etwa in einer Drehbewegung empor – das sind die stets staunenswerten Eigenheiten von Pop-up-Büchern, die immer wieder gesehen werden wollen.

Möglich ist das während der Ausstellungseröffnung, bei der der Künstler selbst seine Pop-ups entfaltet und „Aufleben“ lässt.

Land der Sonne - Kirschblüte, 2011

Hochkultur am Nil - Tut anch Amun, 2011

Explicatus, 2011

September

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Schillig, 2006, Ausschnitt

Mit Meer-Blick

An deutschlands Küsten unterwegs, spiegeln Rudi Knothes Fotografien unverfälschte heimatliche Motive einer besonderen Landschaft

Postkartenidyllen. Fotos von Küstenlandschaften mit blauem Himmel unter leuchtender Sonne. Typische Erinnerungsmotive eines traumhaften Sommerurlaubs an Deutschen Küsten. Mit solchen Arbeiten stellt sich der Wilhelmshavener Fotograf Rudi Knothe in der September-Ausstellung der Sezession Nordwest vor.

In Dortmund geboren und aufgewachsen, macht er dort in den 70er Jahren eine Lehre als Schmelzschweißer, räumt aber seiner großen Leidenschaft Fotografie stetig mehr Platz ein. Der ersten Spiegelreflex folgt das erste eigene Fotolabor. Spätestens mit der ersten Mittelformatkamera steht die Landschaftsfotografie im Zentrum seines Interesses. 1996 schließlich folgt die Ausbildung zum Fotografen, und seit 1999 wird Knothe als Pressefotograf der Wilhelmshavener Zeitung zunehmend bekannt.

Für sein aktuelles Ausstellungsprojekt bereiste er mit großer fotografischer Neugierde einen langen Küstenstreifen von den Ostfriesischen Inseln bis nach Usedom, um typischen Stimmungen dieser einmaligen Landschaften von Nord- und Ostsee im großen Panorama, aber ebenso im kleinen Detail nachzuspüren. Eine Reihe Landschaftsbilder weckt das Verlangen des Betrachters, selbst an jenen Orten zu sein, um ihre Schönheit und die offenbar heile Natur erleben und genießen zu können. Andere Bilder zeigen ein Ineinandergreifen von Technik- in Naturraum, etwa in Hafenszenen, in denen Strukturgespinste von Schiffsmasten, Kränen oder Brücken in Ausgewogenheit vor Wolkenschichten erscheinen. Letztlich gibt es Beispiele für die Bemächtigung der Natur durch den Menschen. Doch selbst in diesen Bildern bleibt eine wohlklingende Harmonie Kernaussage.

Mit modernster Digitaltechnik macht sich der Fotograf auf die Suche nach den gewünschten Motiven. Hat er sie gefunden, ist die wesentliche Arbeit mit dem Klick des Apparates abgeschlossen. Das Bild ist eingefangen. Das Ergebnis liegt vor. Mit dieser Arbeitsweise unterscheidet sich Knothe von diversen namhaften Fotografen, die nicht zuletzt wegen leichter Nach-Bearbeitbarkeit auf digitalisiertes Bildmaterial zurückgreifen. Bei ihnen erfolgt der entscheidende Arbeitsprozess in aufwendigster „Retusche“ am Computer, an deren Ende Ergebnisse vorliegen, die teils nur rudimentär mit dem Ausgangsbild in Zusammenhang stehen.

Auf diese Arbeitsweise verzichtet Rudi Knothe vollständig. Die originale, unverändert beibehaltene Authentizität der Motive sind sein zentrales Anliegen. Der Betrachter wird nicht getäuscht; er soll sich auf seine Augen verlassen können und der Wahrhaftigkeit des gesehenen Bildes gewiss sein.

Primär sind seine Landschaftsaufnahmen „reine“ Abbilder. Unverfälschte Wiedergaben. Doch erschöpft sich hiermit nicht ihr Gehalt. Zusätzliche Eigenschaften erheben die Arbeiten über den Status des Abbildes hinaus zum Bild. Es sind dies Ordnungen, Strukturen und Harmonien, die Verwandtschaft mit Kompositionsregeln der klassischen Malerei besitzen. So wird etwa eine hölzerne Deichtreppe durch die strenge Frontalität zu einer abstrakten Gliederung der Bildfläche und verweist zudem auf das steile Auf und Ab des Lebens.

Hooge, 2009

Schillig, 2006

Hooge, 2008

Rügen, 2007

August

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Danza e Passione

Aus den Wurzeln klassischer italienischer Malerei sprießen die Bilder von Tanz und Leidenschaft der Mailänderin Anna Pennati.

Parmigiano, toskanischer Rotwein und weitere südländische Gaumenfreuden entführten die Vernissagegäste der Wilhelmshavener Sezession Nordwest e.V. am 4. August auf eine kulinarische Italienreise. Selbst das norddeutsche Wetter enttäuschte nicht und empfing die aus Mailand stammende und angereiste Anna Pennati mit südlichen Temperaturen. Viele Besucher ließen sich die Gelegenheit eines persönlichen Gesprächs mit der Künstlerin nicht entgehen. Mag es die glückliche Verbindung des lauen Sommerabends, einer interessanten Malerin und ihrer großartigen Bilder gewesen sein – der Abend erstreckte sich unmerklich bis in die Nachtstunden.

Elementare menschliche Themen – Tanz und Leidenschaft – standen im Fokus der Ausstellung. Der Mensch selbst stand schon früh im Mittelpunkt des künstlerischen Interesses von Anna Pennati. So hat die Erinnerung an eine zeichnerische Auseinandersetzung der achtjährigen mit ihrem Großvater einen bedeutenden Platz eingenommen. Mit jenem Porträt begründet sich der Wunsch ihrer künstlerischen Laufbahn.

Später werden es die unterschiedlichsten Anlässe, die den Menschen auf die Leinwand bannen. Ob reale Begegnungen – etwa auf ausgedehnten Reisen – oder aus der geistigen Welt von Mythologie und Lektüre: Der Fundus, aus dem die Künstlerin schöpft, scheint unermesslich.

Das Geburtsland von Anna Pennati ist zugleich Geburtsland des neuzeitlichen und damit freien, selbstbewussten und selbstbestimmten Menschen(-bildes), das von hier aus seinen weltweiten künstlerischen Siegeszug angetreten hat. Mit ihrem Studium an der Accademia di Belle Arti di Brera, einem Institut der weltberühmten Pinakothek in ihrer Heimatstadt, musste der neuzeitliche Mensch – zumindest zeitweise – im Zentrum der künstlerischen Entwicklung stehen.

Und er blieb es auch weiterhin, wurde lediglich einige Jahre durch die äußerst erfolgreiche Arbeit in der Werbebranche für internationale Unternehmen unterbrochen. Mehrere Jahre wählte sie London als Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Neben zahlreichen internationalen Ausstellungsbeteiligungen – wie 2001 auf der New Yorker Artexpo – erfuhr die Künstlerin in der diesjährigen Mai-Ausgabe der italienischen Capital eine hohe Anerkennung: Als Anlagetipp wurde sie in eine Reihe bekannter italienischer Künstler gestellt.

Die künstlerische Beherrschung des menschlichen Körpers ist selbst in Bildern sich zu abstrakten Farbflecken zergliedernden Figuren offensichtlich. Auch bei flüchtiger Malweise und einem Aufbrechen der geschlossenen Kontur, welches sich auch durch die Bewegung einer tanzenden Figur selbst begründet, bleiben Proportionen und Farben in sicherem harmonischem Verhältnis. Kaum Dissonanzen. Hingegen ein großes Spektrum unterschiedlichster spannungsreicher Harmonien.

Die meist klassischen Typen von Anna Pennati existieren in unbestimmbarer Umgebung und sind aus jedem bekannten Raum-Zeit-Zusammenhang entbunden. Körperlich aufgelöst, bilden sie mit ihrer Umgebung eine Art Symbiose und sind vielmehr geistiges Wesen als menschliches Abbild, wie Dancer von 2009 und Flamenco von 2010 verdeutlichen. Selbst größte körperliche Auflösung bis hin zu partieller Transparenz belässt diesen Wesen eine ungeheure innere Ruhe und Kraft.

Tanz ist für Anna Pennati nicht allein ein künstlerisches Thema. Sie hat selbst sieben Jahre lang getanzt. Das zeichnet ihre Bilder aus. Macht die Wahrhaftigkeit der tänzerischen Bewegungen bis in kleinste Details spürbar. Oft sind es klassische Ballettposen.

Würdevolle innere Ruhe und hohe körperliche Spannung selbst bei entschlossener Bewegung kennzeichnet etwa die Tänzerin (Ella danza … tra la terra é il cielo), die höchst konzentriert und von örtlicher Angebundenheit gelöst zu schweben scheint. Ein weißes Quadrat vor dem Bauch markiert als Sitz ihrer körperlichen Energie den Ausgang der Bewegung, die als weit ausschwingende S-Linie eine Bewegungsspur der Hand bis in die Fingerspitzen kondensiert.

Mit der Tilgung von Raum- und Zeitbezügen schafft Anna Pennati eine universale Überzeitlichkeit, die sowohl in die Zukunft weist wie auch einen Bogen in die Vergangenheit spannt. Der Ballerino – das mit wenigen Pinselzügen einer stark reduzierten Palette gemalte Bildnis eines Jünglings – erinnert von seinem Typ, aber auch durch die strenge Frontalität an sehr frühe Zeugnisse menschlicher Darstellungen: an Kouroi der griechischen Antike. Wie jene gut 2500 Jahre alten Jünglinge in ihrer Schrittbewegung innehalten, so hat auch der Ballerino seinen Tanz unterbrochen; und beide scheinen durch ein Band der Zeitlosigkeit miteinander verbunden.

Anna Pennati mit Ella danza, 2011

Dancer, 40 x 30, 2009

Flamenco, 80 x 70, 2010

Ella danza ... tra la terra é il cielo, 100 x 60, 2010

Ballerino, 140 x 60, 2011

Juni

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Neue Bilder vom Hirschen

Dorothea Kisse befasst sich mit aller Ernsthaftigkeit, aber auch mit spielerischer Ungezwungenheit und Neugierde mit dem Thema Hirsch in der bildenden Kunst

Die düstere Schwere des bürgerlichen Sofa-bekrönenden Hirsches, der im schier undurchdringlichen Dickicht des Waldes kaum auszumachen ist, haben Dorothea Kisse und ihre Hirsche abgeschüttelt. Wie in eine Lichtung getreten erscheinen die Tiere in deutlicher Klarheit, wie ihre Bilder allgemein durch klare, ungetrübte Farbigkeit bestimmt sind.

Unbeeindruckt von seinem spießbürgerlichen Image befasst sich die Oldenburgerin seit mehreren Monaten mit dem Hirsch als Thema ihrer Malerei. Die zahlreichen bereits entstandenen Arbeiten bilden eine Art Zyklus – eine Arbeitsweise, die fast schon charakteristisch für Dorothea Kisse geworden ist. Mit unterschiedlichen Versatzstücken kombiniert, schafft sie in einer individuellen Art einen künstlerischen Einklang. Reine, abstrakte Farbflächen, aber auch pflanzliche Details wie Blätter gehören dazu – Elemente, die scheinbar ohne Bezug zu den realistisch wiedergegebenen Tieren stehen.

In spritzig I dient eine Tapetenbahn als Malgrund. Ein durchaus ironisches Zitat der Bürgerlichkeit, das als stilbildendes Element von elementarer Bedeutung ist. Die Verwendung der industriellen und damit billigen Massenware spricht für die Experimentierfreude der Künstlerin, die Tapetenmuster und Bildelement zu einer collageartigen Gesamtaussage verbindet.

Schon der Titel ihrer letzten Ausstellung in der Sezession Nordwest Wilhelmshaven im Juni, hirsch & jetzt, zielte auf eine aktuelle und persönlich geprägte malerische Auseinandersetzung mit dem imposanten Waldläufer. Dabei haben die jahrhundertealten Symbolgehalte des Hirsches für Dorothea Kisse lediglich untergeordnete Bedeutung. Etwa die frühchristliche Assoziation mit Christus, der in Hirsch-Gestalt die große – paradiesische – Schlange mit himmlischem Wasser tötet. Oder der Hirsch auf frühen Adam und Eva-Darstellungen als Überwältiger der Ursünden-Schlange. Mit seinem imposanten Geweih, das er alljährlich abstößt und das alljährlich erneut und immer gewaltiger wächst, steht er als Metapher für Wandel und Erneuerung.

Eine andere Form stets wiederkehrenden Wandels hat die in Varel aufgewachsene Malerin am Jadebusen vorgefunden: den ständigen Wechsel von Ebbe und Flut. Diese natur-landschaftliche Besonderheit zieht die Künstlerin bis heute in ihren Bann. Ausgiebige zeichnerische Studien der Licht- und Farbstimmungen von Wasser, Himmel und Natur fließen unmittelbar oder auch künstlerisch abstrahierend verfremdet in ihre Malerei ein. Dabei sind Fragen von Wandel und Erneuerung von essentieller Bedeutung, die in letzter Konsequenz auf grundlegende Lebensfragen abzielen.

In scheinheilig von 2011 erscheint ein treffsicher mit flüchtig-schnellem Strich erfasster Hirsch mit gewaltigem Geweih wie geistiges Substrat vor einer schwarzen Fläche absolutem Nichts. Die grüne Farbe seiner Kontur unterstreicht das geistige Moment seiner Existenz. Keineswegs scheinheilig ist da die Frage, ob wir der mittelalterlichen Szene teilhaftig sind, in der Hubertus durch die Erscheinung des Hirsches aus dem Dunkel der Ungläubigkeit bekehrt wird.

Am ersten April von 2011 spielt die Farbe die Hauptrolle. Zähfließend spachtelartig aufgetragen, zeigt sich symptomatisch ein künstlerisches Hauptanliegen der Künstlerin: freie Malerei, die gleichberechtigt neben jedem Thema steht. Gerade angetrocknet, hat die Künstlerin mit rotem Stift die Kontur des Hirsches mehr eingraviert als aufgemalt und erinnert damit an prähistorische Höhlenmalereien. Letztgültige Gewissheit über den Zweck jener jahrtausendealten Malereien hat selbst die moderne Forschung nicht ermitteln können. Ähnlich geht es uns mit den Bildern von Dorothea Kisse, die stets ein letztes Geheimnis für sich behalten.

spritzig I, Gouache / Tapete, 270 x 53, 2011

am ersten april, Öl / Karton, 10,5 x 15, 2011

scheinheilig, Gouache / Büttenpapier, 15 x 21, 2011

Mai

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Konsonanz – zwischen Hören und Sehen

Mit ihren formelhaften Bildzeichen lässt Ute Meyer malerische Klangwelten vor phantastischen Himmelszonen ertönen

Scherzo, giocoso, Notturno, Symphon – ganz unwillkürlich breitet sich vor dem inneren Ohr ein Klangspektrum orchestralen Umfangs aus. Im Werk von Ute Meyer bezeichnen diese Titel Bilder – malerische Harmonien, die in Bezug zur Musik stehen und entstehen.

Während einigen Blättern, wie etwa giocoso – spielerisch, freudig von 2010, die luftige Leichtigkeit beschwingter Solostücke innewohnt, erreichen andere Arbeiten in ihrer formalen Reichhaltigkeit die Verwandtschaft zur Komplexität einer Partitur, die in feinsten Nuancen ein ganzes Orchester zum Erklingen bringt. Wenige unterschiedliche Noten auf das Grundmuster der Notenlinien gesetzt, überführt der Musiker in stets gleich wiederholbare Tonfolgen.

Im Werk der Oldenburgerin Ute Meyer begegnet ein ähnliches System: formelhafte Zeichen, die in begrenzter Varietät in unterschiedlicher Wiederholung auf einem getönten Grund aufgetragen sind, zuweilen über ihm zu schweben scheinen. In ihrer nicht selten schwarzen Färbung erinnern sie an Noten. Doch während diese eine konkrete Melodie in ein standardisiertes System übertragen, verbildlichen die Zeichen Ute Meyers eine mit den Augen „gehörte“ Musik. Eine Musik, in der es – wie die Titel assoziieren – um Stimmungen geht, und nicht um konkrete Melodien.

Die Bilder von Ute Meyer entstammen einer abstrakten Welt; sie bilden nicht ab. Nur selten erwecken einzelne Elemente oder Bildbereiche den Anschein von Abbildhaftigkeit. Der dunkelrot/graue Hintergrund von Notturno II spielt allenfalls auf das nächtliche Thema an, während in Notturno I ein vermeintlich weißer Mond über einem Horizont rhythmisch aufgeführter Klangzeichen in verschiedenen Farben aufzusteigen scheint.

Hintergrundfarbtöne korrelieren mit Klangfarben. Die Beschränkung auf wenige Farbabstufungen geht mit einem engeren Klangspektrum einher, wohingegen eine ausgeprägte Mehrfarbigkeit verschiedene, changierende Harmonien wenn nicht sogar Dissonanzen assoziieren.

Zum Erschließen der Klang-Bilder führen kein rationales Wissen und kein ausgebildetes Können eines Musikers. Hier bedarf es der emotionalen Empfindung des Bildbetrachters. Weniger das Lesen, das Erschließen als vielmehr das Erfühlen der Bilder führt zur Anregung weiterer Sinne, und insbesondere zu einem Erleben von ganz unterschiedlichen Klang-Welten.

giocoso – spielerisch, freudig, 2010

Notturno II, 2004

Notturno I, 2004

April

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Boot, 2010

Szenen

Mit däumlingskleinen Figuren kreiert Maria-Anna Nordiek phantastische, verstörende und märchenhafte Bildwelten

Die Kernbohrung erinnert unweigerlich an einen Rundbunker zum Schutz vor Luftangriffen. In aller Eile, nur mit dem Nötigsten im Koffer, haben sich die Menschen in seinem dunklen Inneren zusammengedrängt. Doch Bedrohung und Not scheinen vorbei. Große, scharfkantige Durchbrüche haben die Funktion des Bunkers zerstört. Die Menschen sind ins Freie getreten, halten ihre Koffer noch in Händen. Andere habe sie abgestellt. Wieder andere haben sich hingesetzt und warten.

Die in Sandhatten lebende Metallkünstlerin Maria-Anna Nordiek kreiert mit däumlingskleinen Figuren mikro-kosmische Welten surrealer Anmutung, die nur aus nächster Nähe genau zu erkennen sind. Mit den meist in Silber gegossenen menschlichen, aber auch tierischen Figuren arrangiert sie Ausschnitte aus Geschichten und Erzählungen. Hierbei stehen phantastische Inhalte neben vermeintlich altbekannten Themen – häufig wohnt ihnen eine verstörende Komponente inne.

Ein Boot mit einer eigenartigen Mannschaft ist herangefahren. Balanciert auf dem Bug ein sich seinem Spiel hingebender Clown, so begegnen wir neben diversen Passanten einer Mutter mit Kind und Soldaten in Aktion. In seiner Form gleicht das Gefährt Langbooten weit entlegener und meist vergangener Völker. Ein gravierendes Ereignis muss der Grund gewesen sein, dieses Boot auf Räder zu setzen. Offenbar nur so konnten sich „alle in einem Boot“ auf ihre Reise machen.

Eine andere Szene mit einer männlichen und einer weiblichen, die eigene Scham bedeckende Figur scheint sich auf den biblischen Sündenfall zu beziehen. Unterstützt wird diese Vermutung durch eine auffällige Kugelform an einem abstrahierten Gewächs, bei der es sich dann um den für die ganze Menschheit so bedeutsamen Apfel der Versuchung handelt.

Szenen nennt Maria-Anna Nordiek Ihre Ausstellung in der Sezession Nordwest. Diese spielen häufig in kleinen Kästen, die auf Stelzen hoch emporgehoben, dem Betrachter auf Augenhöhe gegenüber stehen. Im Aufspüren der Geschichten und Erzählungen erfahren sie besonders durch die Szenenkästen einen bühnenartigen Charakter. Dieser wiederum unterstreicht die narrative Komponente, die allen Arbeiten der Künstlerin innewohnt.

Mit den teilweise lose platzierten Figuren lädt die Künstlerin den üblicherweise zum passiven Rezipieren konditionierten Betrachter ein, seine Rolle zu verlassen und eine neue, ungewohnte einzunehmen. Zum Akteur geworden, kann er einzelne Figuren nach seinen Vorstellungen umstellen und neu arrangieren.

Auf einmal knüpfen die Figuren neue Beziehungen untereinander; veränderte oder gar andere Geschichten werden erzählt. Doch gelingt das nur mit großer Umsicht und Sorgfalt, sonst bricht das größte Chaos im Mikrokosmos aus. Diese spielerischen Eingriffe dürfen durchaus als Metapher für folgenreiche Auswirkungen im großen Weltenspiel angesehen werden und beide – Betrachter wie Akteur – an ihre Rollen im Weltenlauf erinnern.

Kernbohrung, 2010

Kernbohrung, Detail

März

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Lebenskraft

Mit ihrer Kunst sensibilisiert Christa Marxfeld-Paluszak den Blick für das menschliche Leid

Der Blick in den Spiegel offenbart die Glatze der jungen Frau. Folgen einer Chemotherapie? Ohne Beine, ohne Arm, körperlich versehrt, ist ihr Leben aus den Fugen geraten. Selbst das Kreuz, unter dem sie leidet, steht nicht mehr im Lot. Dennoch ist sie geschminkt und demonstriert mit einer großen grünen Blume auf dem Kopf Widerspruch und Kampf gegen ihr vermeintliches Schicksal.

Frau voller Hoffnung nennt Christa Marxfeld-Paluszak diese zentrale Arbeit ihrer Ausstellung Lebenskraft in der Sezession. Exemplarisch zeigt diese Installation das Ausstellungsthema: Hoffnung – der Leid, Verletzung und Gewalt zugrunde liegen. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt an Kindern und Jugendlichen fand bereits 2003 in einer Ausstellung ihren Niederschlag. Entscheidender jedoch war Marxfeld-Paluszaks nicht-künstlerisches Ergebnis: die Gründung des Vereins ChaKa 2008, der sich mit vielen Veranstaltungen und Sammlungen um betroffene Kinder kümmert. Nach wie vor bestimmt diese karitative Arbeit einen großen Lebensbereich – eine intensive Arbeit, die ohne Hoffnung nicht zu beginnen gewesen wäre.

Das Thema Leben und Hoffnung, das für Christa Marxfeld-Paluszak fast zu einem Lebensthema geworden ist, hat sie in unterschiedliche Kunstarten wie etwa Malerei, Collage oder Installation überführt. Dabei hat die Kunst für sie keinen wertfrei-spielerischen Selbstzweck, sondern soll vielmehr dem höheren Sinn der Aufklärung und Bewusstbarmachung menschlicher Befindlichkeiten dienen.

So steht in zahlreichen ihrer Malereien der Mensch im Spannungsfeld zwischen Hoffnung, Leid und Liebe. Eingebunden und ausgeliefert in äußere, meist nicht sichtbare Bedingungen und Zwänge, sind neben dem Einzelnen auch Paare betroffen. Individuell durchaus unterschiedliche Schicksale repräsentierend, helfen und stützen sie sich gegenseitig, wobei einer dem anderen zur Hoffnung werden kann.

Äste und Wurzeln von Korsikas Stränden, geborgen und auf neutralen weißen Grund herausgehoben, bezeugen vergangenes Leben. Groß ist das Spektrum der Spuren von Verletzungen, Verwitterungen bis Verkohlungen. Einige von ihnen künden jedoch in frischem kräftigem Grün von jungem, neu entstehendem Leben. Wieder andere erinnern an anthropomorphe Figuren, etwa an Torsi von längst zerstörten Tempeln, die geborgen und behandelt, nun Lebensverkünder untergegangener Welten sind.

Christa Marxfeld-Paluszak ergreift den Lebensfaden selbst im Urmedium seiner Entstehung – dem Wasser. Neptungräser aus dem Mittelmeer – Posidonia oceanica – bilden als Seegraswiesen Grundlage maritimer Ökosysteme. In großer Menge durcheinander in der Ursuppe schwimmend, verknoten sich die ungeordneten Gräser zu kleinen Bällen. In einem schöpferischen Prozess hat die Künstlerin sie zu einem imaginären Globus versponnen, der auf die Existenz allumfassenden Lebens zu verweisen scheint. Ein Leben, das in seiner Verletzbarkeit ohne Hoffnung nicht überlebensfähig ist.

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Frau voller Hoffnung, 2010

Gemeinsam, 2010

zu Neuem erwacht V, 2010

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