artpreview · 2018

Ausstellungsvorschauen der Sezession Nordwest e. V., Wilhelmshaven, Alexander Langkals

April-Mai

Herbert Blazejewicz, o. T., 2017, Alufolie, Acrylfarbe (Ausschnitt)

Herbert Blazejewicz, Licht und Schatten

Mit skulpturalen Objekten aus hartem, transparentem Acrylglas offenbart Herbert Blazejewicz den flüchtigen Zauber von Licht und Schatten; begleitet von "Bildern" aus aufgespannten mehrschichtigen Aluminiumfolien.

„Licht und Schatten“ lautet der Titel der Ausstellung von Herbert Blazejewicz in der Sezession Nordwest vom 5. April bis zum 22. Mai. Ein Titel, der die Frage aufwirft, in welcher Kunst es nicht um eine Auseinandersetzung mit Licht und Schatten geht. Denn ohne Licht keine Malerei, keine Farbe, keine Fotografie, kein Film, keine Grafik oder Zeichnung. Allenfalls die Skulptur käme ohne aus. Auf dass ein Sehender in die Rolle des Blinden träte, um die Formen zu ertasten. Dennoch spielen Licht und Schatten für die Arbeiten von Herbert Blazejewicz eine unmittelbarere Rolle: Hier sind sie keine hintergründigen Basisphänomene, hier sind sie Hauptprotagonisten.

Herbert Blazejewicz wurde 1940 in Wilhelmshaven geboren, nahm bereits 1962/63 an Gemeinschafts­ausstellungen etwa im Kunstverein teil und studierte von 1965 bis 1968 Didaktik der Bildenden Kunst in Olden­burg. In der Folge arbeitete er als Lehrer und ließ sich 1992 vom Schuldienst beurlauben, um wiederum intensiv künstlerisch arbeiten zu können. Seit 2004 ist der in Hude Lebende Mitglied im BBK Oldenburg.

Seit gut 10 Jahren baut er aus Acrylglas Objekte – zunächst geschlossene Gebilde, deren Oberflächen mit Seidenpapier beklebt oder angeraut wurden. In jüngerer Zeit entstehen offene Formen, anschaulich frei schwebende, optisch aufgelöst leichte Objekte. Sie erscheinen neben Licht- und Spiegelreflexionen vor allem durch Schatten, wobei das Tageslicht natur­ge­geben entschieden lebendigere Auswirkungen als Kunstlicht hervorruft.

Eine besondere Spezies der offenen Formen stellen Stelen dar, die auf kleiner Grundfläche an die zwei Meter Höhe erreichen. Da sie in ihrer Gesamtheit nur aus einigem Abstand zu erfassen sind, lösen sie sich – von Reflexionen abgesehen – bis auf ihre Kanten, die als dunkle Linien sichtbar erscheinen, weitgehend auf. In Konsequenz der materiellen Auflösung stehen die Stelen nicht auf Sockeln oder Postamenten, vielmehr wachsen sie aus dem Boden – aus Rasen- oder Kiesflächen.

An die Seite der aus massiven, starren Platten be­ste­henden Acrylglasobjekte treten oberflächenbewegte Objekte aus dünner, mehrschichtiger aufgespannter Alufolie. Auch diese Oberflächen werden teils bis zur Rissbildung aufgeraut; die dortigen Stellen durch Auf- und Abtragen von Acrylfarbe als Spuren betont.

Herbert Blazejewicz sieht sich als Materialist. Bereits zur Schulzeit erkannte er in manch alten Fundstücken eine reizvolle Sinnlichkeit. So wurden etwa verwitterte Banderolen alter Konservendosen als konkrete Bilder gerahmt. Zeitgleich zeichnete er reale Objekte wie etwa Schiffe.

Die aktuellen konkreten Arbeiten benötigen keine Titel; sie haben keine realen Bezüge, sondern entstehen vielmehr aus sich selbst heraus. Asketisch, ruhig, klar und zurückgenommen sollen sie in ihrer Einfachheit eine in den Bann ziehende Wirkung durch Licht-(Einwirkung) erzielen. Dafür bedarf es einer weniger rationalen Erkenntnissuche als vielmehr eines meditativen Sich-Einlassens. Dann mag sich ereignen, was ein Junge vor einer Stele formulierte: „Es zaubert.“

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Herbert Blazejewicz, o. T., Acrylglas

Herbert Blazejewicz, o. T., Acrylglas

Herbert Blazejewicz, o. T., Acrylglas

Herbert Blazejewicz, o. T., Alufolie, Acrylfarbe

Februar-März

Helmut Lindemann, Theaterdole, 2010, Öl, Leinwand (Ausschnitt)

Helmut Lindemann, mal sehen

Beinahe hyperrealistisch malt Helmut Lindemann vermeintlich alltägliche Szenerien – und stellt durch Abweichungen unsere Sehgewohnheiten infrage. Mechanische Objekte belegen sein technisches Vermögen und spielerische Freude.

Vor einem schweren Theatervorhang hat sich eine Dohle auf ein schlichtes Kiefernholzkästchen nieder­gelassen und blickt – von der Bühnenbeleuchtung angestrahlt – interessiert umher. Flüchtig betrachtet, könnte es sich um eine Fotografie handeln. Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Ereignis in einem Theater anzutreffen?

Diese magisch-realistische Szenerie hat der in Edewecht-Friedrichsfehn lebende Helmut Lindemann 2010 in Öl auf Leinwand "festgehalten". 1951 in Bremen geboren, brach er ein Studium der Mathematik und Jura in Freiburg und Berlin 1977 ab, um seinem Wunsch folgend, eine künstlerische Ausbildung bei der Bakenhus-Schülerin Marie Meyer-Glaeseker in Oldenburg zu machen. Von ihr erhielt er auch den kritischen Zuspruch zur Umsetzung eigener Vorstel­lungen, woraus sich sein bis zum Surrealismus und Hyperrealismus reichender Malstil entwickelte.

Der ausgeprägte Realismus der eingangs betrachteten Darstellung lässt an einen historischen Malerwettstreit denken: Im antiken Griechenland galten Zeuxis und Parrhasios als die ausgezeichnetsten Maler ihrer Zeit. Doch wollten beide wissen, wer von ihnen der überle­gene sei. Zeuxis malte auf einem Bild derart realistische Trauben, dass Vögel sie aufzupicken versuchten. Somit von seinem Sieg überzeugt, versuchte er den Vorhang vor einem Bild seines Kontrahenten beiseite zu schieben, um die verborgene Darstellung erblicken zu können – und wurde diesmal selbst durch den von Parrhasios meisterhaft gemalten Vorhang getäuscht.

Mit einem 1991 gemalten Vergaser erinnert Helmut Lindemann an einen bekannten Klassiker der Nach­kriegs-Avantgarde, Konrad Klapheck, der ab den 1950er-Jahren allerlei technische Geräte sachlich-präzise malte, wobei er sie teils rudimentär verfremdete oder völlig irreal komponierte. Gerade die nüchterne und damit technoide Darstellungsweise verführt zu einem nur flüchtigen Hinschauen, das ein Hinterfragen des Gesehenen kaum aufwirft: Weil das Dargestellte so ungeheuer realistisch erscheint, muss es wohl auch "stimmen". Umso größer das Erstaunen, wenn man dann den eigenen Irrtum bemerkt – wie in zahlreichen Bildern technischer Gerätschaften von Helmut Lindemann. So irritierte er etwa 1998 mit einem auch noch in realistischer Größe gemalten Fahrrad durch die Vertauschung von Lenker und Sattel. Doch erst der genauere Blick offenbart zahlreiche weitere Verkehrun­gen, die den eigentlichen Zweck ad absurdum geführt haben. Interessant ist die intellektuelle Parallele zu einem Markstein des Surrealismus, einem Werk René Magrittes von 1929: eine Pfeife mit der Inschrift "Ceci n'est pas une pipe". Schließlich handelt es sich um das Bild einer Pfeife. Diese Bewusstbarmachung als Teil des Bildes selbst vollzieht Lindemann 2004 bei einem Colt, der augenscheinlich auf ein Blatt Papier gemalt ist, das wiederum an eine imaginierte Wand gepinnt ist.

Aus seinem technischen Interesse und einem großen handwerklichen Vermögen erwachsen mechanische Bild-Welten, die von unsichtbaren Motoren angetrieben eine große Freude am Spiel offenbaren. In ihrer Zweckfreiheit und Komplexität – teils sind sie um akustische und lichttechnische Elemente erweitert – reichen sie durchaus Werken von Jean Tinguely die Hand.

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Helmut Lindemann, Theaterdole, 2010,
Öl, Leinwand

Helmut Lindemann, Carburetor, 1991,
Öl, Leinwand

Helmut Lindemann, The ambivalent Niece, 1998, Öl, Leinwand

Helmut Lindemann, Colt, 2004, Öl, Leinwand

Helmut Lindemann, Jojo, 2014,
Mechanik, Holz, bemalt

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